Raum – Grenze – Blick, das sind drei Themen, um die sich die Ausstellung der Berliner Künstlerin Francis Zeischegg bewegt. Stellt man zum Beispiel einen Wildgatterzaun mitten in die Stadt, werden über die Irritation so abstrakte Themen wie „Raum“, „Grenze“ und „Blick“ erfahrbar und damit bewusst. Mit Zäunen, mobilen Dachkammern und Zelten befragt Zeischegg unsere mobilen Wohn- und Lebensweisen. Das leicht auf- und wieder abzubauende Zelt fragt nach einem Umgang des Verhältnisses zum Raum. Wie definiere man „seinen“ Raum und wie lässt sich ein Territorium bei häufig nomadischer Lebensweise begrenzen, wie sie die moderne Lebenswelt heute vielen Menschen abverlangt?
Francis Zeischegg „besetzt“ die vierte Position des Projekts „Reality looks back on me“. Die 1956 in Hamburg geborene Künstlerin hat neben ihrem Kunststudium ein sozialwissenschaftliches Studium abgeschlossen. Nach den räumlichen Veränderungen, mit denen Robert Barta u. a. Überwachungsinstrumente in den Museumskontext eingebracht hat, wird sie sich mit besonderen Formen von Schutzräumen beschäftigen. Sie widmet sich dabei der Frage, wie man in einer immer komplexer und globaler werdenden Gesellschaft einen eigenen Standpunkt findet.
Kontextverschiebungen sind hierbei eine ihrer künstlerischen Strategien: Einen Jagdschutzholzbunker, einen mit Hölzern beladenen Wagen, gab es in der ehemaligen DDR tatsächlich. In ihm saß getarnt ein Beobachter, der durch einen Spion Wilderer im Wald ausfindig zu machen suchte. Einen Leitersitz oder einen Hochsitz kennt man aus der Wald- und Forstwirtschaft. Sie werden eingesetzt, um Tiere zu beobachten. Was passiert aber, wenn man sie aus dem Wald in die Stadt holt und sie beispielsweise auf einer belebten Verkehrskreuzung aufstellt?
Die Tarnung ist dann plötzlich nicht nur hinfällig, sondern ihr Zweck verkehrt sich ins Gegenteil – ein auffälliges Signal wird gesetzt. Wer hier sitzt, ist gleichzeitig Beobachter und Beobachteter. Mit erhöhtem Sitz hat man unverhofft Einblick in die umliegenden Gebäude und Fenster von Wohnungen. So ausgestellt zu beobachten, muss man sich fragen, ob man wirklich zum Beobachter werden will. Gleichzeitig stellt sich mit dieser Erfahrung auch die Frage, wie wir unseren Raum und den Raum anderer definieren und respektieren können. Zeischeggs irritierende Arbeiten thematisieren unser Verhalten, wenn wir unverhofft in die Situation geraten, andere beobachten zu können.
Einen weiteren Arbeitsschwerpunkt von Francis Zeischegg bildet die Serie der Phonetics. In Siebdrucken stellt sie uns Raumbegriffe wie „distance“, territory“, „zone“, „home“ in jeweils drei Sprachen (dt., engl., fr.) vor Augen. Auf rotem Grund steht das Wort „home“ geschrieben. Sieht man sich Zeischeggs Siebdruck „home“ an und verfolgt seine Ähnlichkeit in den drei Verkehrsprachen, kann sich ein Bedeutungshorizont öffnen, der vielleicht noch nicht poetisch, aber durchaus assoziationsgesättigt ist.
Francis Zeischegg hat neben zahlreichen Einzelausstellungen im In- und Ausland, verschiedene Stipendien, unter anderem 2006 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds in Bonn erhalten. Gastprofessorin war sie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und der Burg Giebichenstein in Halle. Neben Künstlerbüchern gibt es Veröffentlichungen von ihr zu den Themen „Maßstab der Erinnerung“ und „Raumbeziehungen“, sowie ein Lehrbuch zum visuellen Gestalten.