"Welcome home"
Künstler sehen Deutschland
17. Juni - 23. August 2001

Ein Projekt des Kulturprogramms Deutscher Pavillon
anläßlich der Expo 2000 Hannover

 
 

Interview mit Gunter Hampel

Jazzmusiker und Komponist

     
     
 

 

 

 

   

 

Gibt es wertvolle deutsche Volksmusik?

Natürlich, natürlich! Aber nicht die, die wir aus dem Fernsehen kennen. Ich bin zum Beispiel mal mit meinem Vater in den Alpen gewesen, und da haben wir dort oben auf den Hütten, hoch oben in den Bergen, Leute mit Klarinetten und Gitarren und sonstigen Instrumenten gesehen. Die haben eine dermaßen abgefahrene Musik gespielt! Die war so richtig nah dran an dem, was wir Jazz nennen, die wissen das bloß nicht.

Hast du das Gefühl, dass die Deutschen eine eigene Form der Improvisation haben?

Im Jazzbereich war es meine Generation, die zum ersten Mal überhaupt in der Lage war, die Elemente, die aus unserem europäischen Erbe stammen, in den Prozess des Improvisierens mit einzubeziehen. Denn die Modelle, die aus Amerika gekommen sind, sind natürlich sehr afroamerikanisch gefärbt. Wenn ein Afrikaner getrommelt hat, hat er Nachrichten ans nächste Dorfweitergegeben, odersie haben zum Ernteeinzug gerufen. So etwas Ähnliches haben wir hier auch gehabt. Und wo du jetzt von Volksmusik sprichst: Als ich angefangen habe, Musik zu machen, da habe ich auf der Kirmes gespielt! Da gibt es auch eine Tradition, die eigentlich sehr ereignisreich ist.

Spielmannszüge?

Richtig. Wir sind morgens um sechs Uhr zum Bürgermeister gegangen und haben ihn mit unseren Klarinetten und Trompeten aus dem Bett geholt. Dann sind wir zum Marktplatz gezogen und haben da ein Ständchen gespielt. Eigentlich war das Volksmusik, aber wir Kids haben da schon damals den Jazz reingebracht. Wenn die Leute einen Foxtrott tanzen wollten, haben wir eben irgendein Swing-Stück gespielt. Das war eben unsere Generation.

Begegnest du auf deinen Reisen einer Improvisation, einem Charakterzug, von dem du sagen würdest, das ist deutsch, das ist meine Herkunft, das ist Heimat?

Wenn ich spiele, bin ich mir dessen natürlich nicht bewusst. Aber wo wir beide jetzt darüber reden: Das, was mir da begegnet, ist nicht nur deutsch, sondern das bin Ich. Es ist irgendwie identisch. Eine Zeit lang gab es in der Jazzmusik diesen Trip, einen auf Afrika zu machen. Das habe ich nicht mitgemacht, sondern mir stattdessen überlegt, wenn die sich auf ihre Vergangenheit beziehen, dann muss doch auch bei mir, in meiner Vergangenheit etwas sein. Und so bin ich halt in meine Vergangenheit wieder neu eingestiegen, auch in die der klassischen Musik. Und habe plötzlich gesehen, dass unsere Musik ja genauso einen spirituellen Hintergrund hatte. Bei Johann Sebastian Bach zum Beispiel ist man sofort mit dem kirchlichen Hintergrund seiner Kompositionen konfrontiert, das war ja sein Motiv, diese Musik überhaupt zu machen. Und ich als Jazzmusiker habe gelernt, mit diesen Dingen nicht nur akademisch umzugehen, sondern sie auch beim Improvisieren mit einfließen zu lassen.

     
     
     
       
             


Wie reagiert ein deutsches Publikum, wenn du versuchst, es zu dirigieren?

Ich bin in der Lage, mein Orchester von den Noten abzubringen und nur durch Dirigieren bestimmte Bewegungsabläufe bei den Musikern umzusetzen. Das heißt: Ich dirigiere so, dass die Bläsergruppe in einem Kollektiv spielt, und dann improvisieren plötzlich fünf Saxophone gleich- zeitig. Ein phantastisches Stimmengewirr! Als ob fünfundzwanzig Vögel im Garten säßen und gleichzeitig anfingen zu singen! Und dann drehe ich mich zum Publikum um, ohne ein Wort zu sagen, und leite die genauso ein.

Und plötzlich legen die los und machen das nach, was wir ihnen gerade auf der Bühne vorgemacht haben. Dann gebe ich einen richtigen Big-Band-Einsatz (holt weit mit dem Arm aus) und drehe mich wieder zum Publikum um, das dann schon ganz genau weiß, was zu tun ist. Und am Ende flechte ich alles zusammen: Das Orchester spielt und nach und nach fülle ich alles mit weiteren Einsätzen auf. Vor kurzem haben wir ein Konzert im Fußballstadion in Braunschweig vor zwölftausend Leuten gegeben. Die habe ich auch alle so richtig wie ein riesiges Orchester eingesetzt, sozusagen ein instant composing. Zwölftausend Kehlen waren das - also nicht irgendein stumpfsinniges Mitklatschen (klatscht mit den Händen). Ich habe sie an dem ganzen Prozess beteiligt, ich habe sie wie ein riesiges Vogelgezwitscher in die Höhe geführt (hebt die Arme), und dann habe ich sie wieder laut brüllen lassen, wie sie das sonst immer beim Fußball machen. Diese Lebendigkeit ist für mich das Tolle; wenn so ein Konzert vorbei ist, dann habe ich nicht nur meine Energie, die ich mit mir rumtrage, sondern die Energie von zwölftausend Leuten in mir.

Wenn du's nicht wüsstest, woher würdest du die Gewissheit nehmen, dass es sich hier um ein deutsches Publikum handelt?

Das ist eine gute Frage. Die Reaktionen des deutschen Publikums sind meistens gezähmter. Mit anderen Worten: Wenn ich in New York spiele - sagen wir in der Knitting Factory, wo hundert Leute reinpassen -, dann habe ich da hundert lebendige Leute sitzen, die "oh" machen oder "ah", die sich also irgendwie beteiligen. Und das törnt dann wiederum uns an. Hier in Deutschland warten sie, bis das Stück vorbei ist, und dann erst klatschen sie. Aber man merkt: Die waren dabei, das sind gute Zuhörer. Das darf man nicht vergessen. Meine amerikanischen Kollegen sagen oft über die Deutschen: "Die sitzen da so starr rum, da geht ja gar nichts ab!" Aber in Wirklichkeit hören die Deutschen bloß sehr gut zu. Wir hier haben oftmals Angst davor, uns frei zu äußern. Wir sind nicht in der Lage, unsere Gedanken, die ja doch oft sehr wertvoll sind, einem Partner oder anderen Menschen mitzuteilen. Wir sind nicht so offen wie die Italiener oder die Portugiesen oder die Amerikaner. Bei uns wird immer aus allem ein kleines Geheimnis gemacht.

 
     
   
     
           


Du lebst mindestens die Hälfte des Jahres in New York und die andere Hälfte teilweise in Deutschland, aber eigentlich bist du auf Tour, häufig in ganz Europa. Hast du jemals erlebt, dass du in New York als Deutscher diskriminiert wurdest?

Es ist folgendermaßen: Dadurch, dass ich Jazzmusiker bin, dass meine Frau schwarz ist und meine Kinder gemischt sind, bin ich als Deutscher tiefer in die schwarze community aufgenommen worden als einer der mir bekannten Menschen jemals zuvor. Ich habe so zum Beispiel festge- stellt, dass die Jazzmusik dort längst nicht so eine kopflastige Geschichte ist wie bei uns. Die schwarze community lebt noch wie eh und je. Ganz egal, welchen Musiker man nimmt. Ich habe aber auch Probleme in Amerika. Das hat zwei Gründe: Dadurch, dass ich viel mit Schwarzen zusammen bin, habe ich mir viele ihrer Eigenarten einverleibt, weil ich auch vieles gut finde, zum Beispiel so offen zu sein wie sie. Damit ecke ich in Amerika dann aber oft bei den Weißen an! Und das andere Problem ist unsere deutsche Vergangenheit, denn in Amerika gibt es viele Juden. Der Besitzer meines Hauses ist zum Beispiel jedes Mal ein Jude - die wechseln alle zwei Jahre, die spielen da alle Monopoly. Wenn dann also ein neuer Vermieter kommt, will der erst mal sein Haus säubern, was bedeutet: Die Schwarzen müssen alle raus aus seinem Haus und die Deutschen müssen alle raus. Dann fühle ich mich diskriminiert! Oder einmal ist mir Folgendes passiert: Mein Sohn geht auf eine Rudolf-Steiner-Schule; auch wenn wir in Deutschland sind, wo es manchmal schon Probleme gab, weil die Deutschen mit Schwarzen eben noch nicht so gut zurechtkommen. Aber drüben in Amerika kam er eines Tages mit einem Messer im Fuß nach Hause und war völlig tränen überströmt. Sie hatten ihn verprügelt, ihm ein Messer in den Fuß gestoßen - und da fragt mich doch mein Sohn als Erstes: "Gunter, was ist denn ein Nazi?" Da war er gerade sieben Jahre alt. Ich bin natürlich sofort in die Schule gerannt und habe gefragt, ob wir denn nicht wenigstens an den Steiner-Schulen ein bisschen Abstand von der Vergangenheit gewinnen könnten und was denn mein Sohn, der ja auch noch schwarz sei, mit den Dingen zu tun hätte, die vor sechzig Jahren in Deutschland passiert seien. Und die Lehrer antworteten mir, sie könnten nichts dagegen tun und es sei bei den Familien, deren Verwandte in den Konzentrationslagern umgekommen seien, ja auch verständlich, dass sie ihren Kindern beibrächten, sich vor den Deutschen zu hüten.

Du hast die DDR lange vor dem Mauerfall gesehen und hast jetzt die Gelegenheit gehabt, dir die Innenstadt von Rostock anzuschauen. Zwei Länder?

Mich haben sie gleich nach der Wende hergeholt, um in Cottbus einen Workshop zu geben, also irgendwie bei diesem Neuanfang im Osten mitzuhelfen. Ich hatte noch einen afroamerikanischen Sänger und Tänzer aus New York dabei, der zu meiner Gruppe "Next Generation" gehört, und wir beide zusammen haben den Kids da Musik- und Tanzunterricht gegeben. Das würde jetzt zu weit führen, wenn ich erzählte, in welchem Zustand die alle waren, aber irgendwie haben wir es schließlich geschafft, den Kurs zu geben - alleine dadurch, dass wir sie miteinander kombiniert haben, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas Eigenständiges machen sollten, etwas formulieren oder darstellen. Die Lehrer, die auch zuhauf ankamen, haben gesagt, dass sie nicht wüssten, was sie mit diesen Kids machen sollten, Cottbus sei schließlich genauso anfällig für den Faschismus wie Rostock. Und während wir diesen Workshop abhielten, zog plötzlich eine Horde lärmender Leute an uns vorbei, angeführt von ein paar Faschisten aus Westdeutschland, die unsere Kids, die ja nicht wüssten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten, schon mal auf den Faschismus-Trip bringen wollten. Es war dann doch nicht ganz so schlimm, wie wir befürchtet hatten, weil die Kids die Inhalte des Faschismus überhaupt nicht verstanden haben. Sie haben nur festgestellt, dass wir alle darüber erschrocken sind, wenn sie sich ein Hakenkreuz auf den Ärmel nähen. Und genau das wollen sie. Das will jede junge Generation.

Was repräsentiert für dich Deutschland?

In Deutschland wird immer alles sehr weit vorangetrieben. Oftmals weiter als in vielen anderen Ländern, weil wir diesen Forschergeist in uns haben. Wir sind schneller in der Lage, herauszufinden, was auf dieser Welt vor sich geht. Mehr als alle anderen Völker. Wir Deutschen haben ein großes Herz, wir haben eine Wärme in uns, um die uns die anderen beneiden. Wir sind in der Lage, freundlich zu sein, wenn wir ein bisschen aufgetaut sind, und ich glaube, dass wir es auch als Volk - um dieses Wort einmal abstrakt zu gebrauchen - fertig bringen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Und das sind Werte, die für uns Menschen auf diesem Planeten sehr, sehr wichtig sind.